Der egoistische Kreislauf der menschlichen Natur

  • Hier ist nun der Text, den ich morgen früh auf der Zeugnisausgabe der 12. Klassen halten werde. Der Text ist ein Mix aus neuen Gedanken, "Das Lied von der Glocke" von Friedrich von Schiller und meinem Text "Es ist irgendwie faszinierend". Ihr werdet einige Passagen lesen, die sich durchaus nur auf die Abiturienten beziehen, also stört euch nicht daran.


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    Wir alle stehen jeden Morgen auf, mal mit guter, mal mit schlechter Laune. Wir bereiten uns mental auf die Schule bzw. auf die Arbeit vor, egal mit wie viel Elan wir das machen. In der Schule oder auf der Arbeit können wir uns nicht immer konzentrieren, aber wir geben das Beste. Am Nachmittag bzw. erst am Abend kommen wir erschöpft oder frei-fröhlich nach Hause, nur um dann am nächsten Morgen dasselbe wieder zu tun. Wir nehmen alles so hin, wie es ist, machen uns keine großen Gedanken um all das, was schon längst in der Vergangenheit schmort bzw. sich auf dem goldenen Thron gemütlich gemacht hat: Das Erbe unserer Vorfahren.


    Wir sind es, die die Technik längst verstorbener Menschen benutzen. Auch die modernste Technik basiert auf den Berechnungen und Erfindungen der bereits in Ehren Gehaltenen. Wir sind die Boten derer. Wir geben das Wissen weiter und versuchen, jenes Gelernte neu zu erfinden. Ist euch bewusst geworden, dass ihr tagtäglich einen PC bei euch habt? Das Handy ist in so vielen Weisen eines der besten Erfindungen jemals. Aber nicht nur das, ihr führt zudem auch immer einen Taschenrechner, eine Kamera, ein Mikrofon, einen Lautsprecher, tausende Briefe und Bilder und sogar die Zeitung mit euch. In einer Hosentasche. Das sind tausende, längst vergangene Ideen, die dahinterstecken. Und einer kam dann tatsächlich auf die Idee, alles in ein einziges Gerät zu packen. Verrückt. Aber das macht den menschlichen Erfindergeist aus. Er ist verrückt. Wir alle sind verrückt. Ich mein, wer zur Hölle läuft 12 Jahre seines Lebens immer wieder denselben Weg ab, um sich fortzubilden? Nun, ihr habt das gemacht. Ihr seid verrückt. Ich bin verrückt. Wir alle sind es in irgendeiner Hinsicht. Verrückt in einer Zeitschleife. Wenn ihr irgendwann mal Kinder haben solltet, werden sie durchaus denselben Weg gehen. Für 12 Jahre. Und das wiederholt sich wer weiß wie oft. Diese Menschen, die neuen Generationen, stehen dann irgendwann auf den neuen Erkenntnissen unserer.


    Es ist faszinierend, wenn man darüber nachdenkt, auf wessen Boden wir eigentlich stehen. Es sind die Hände derer, die mit all ihrer Intelligenz neue und vor allem bahnbrechende Ideen ins Leben gerufen haben. Wir stehen auf den Händen der Vergangenheit. Das sind die Hände, die wertvolle Skizzen von Maschinen gezeichnet haben. Das sind die Hände, die mithilfe eines Stifts, gar eines Federkiels wichtige Gleichungen aufstellten. Das sind die Hände, die in Kriegen mit dem Tod spielten. Auch in den Kriegen mit der Natur.


    "[Denn] furchtbar wird die Himmelskraft, wenn sie der Fessel sich entrafft, einhertritt auf der eignen Spur die freie Tochter der Natur." In diesem Auszug seines Gedichts "Das Lied von der Glocke" macht Friedrich Schiller darauf aufmerksam, dass man trotz allem, was man vorhat, die Natur respektieren sollte. Sie gewöhnt sich nicht schnell an Veränderungen. Wir setzen unsere Häuser auf die schönsten Wiesen, zerstören damit Heimat für viele Tiere und Insekten, nur um sie dann wieder im heimischen Garten anzulocken.


    Achtet die Natur. Denn "wehe [sie wird] losgelassen, wachsend ohne Widerstand durch die volkbelebten Gassen walzt den ungeheuren Brand! Denn die Elemente hassen das Gebild der Menschenhand." So Friedrich von Schiller in seinem Gedicht „Das Lied von der Glocke“. Wir werden uns nicht bewusst, dass sie uns hasst. Sie braucht uns nicht. Sie nimmt sich das zurück, was wir ihr einst gestohlen haben. Verlassene Häuser sind mit großen, mächtigen, Kletterpflanzen verziert. Gras wächst über die ehemaligen Verbrechen des menschlichen Egoismus. Wir haben die Natur gezwungen, uns zu gehorchen, wenn auch ungewollt. Wir sind ein Teil von ihr. Von dieser Natur. Doch wir sind kein Teil mehr von ihr, wenn wir das Gleichgewicht zerstören. Und das tun wir. Von Tag zu Tag. Wir nehmen mehr von der Natur als sie uns geben kann. Achtet darauf, wie ihr mit ihr umgeht. Denn ihr braucht auch euer Gleichgewicht. Das gibt euch die Natur. Vermasselt es nicht.